Mitteilung vom 14.11.2022
Bereich: Landwirtschaft 
Agrarmärkte, Agrarpolitik, Agrartechnik: Beraterhochschultagung wirft Blick in die Zukunft

Agrarmärkte, Agrarpolitik, Agrartechnik: Beraterhochschultagung wirft Blick in die Zukunft

Tagung der Landwirtschaftskammer in Isernhagen zeigt spannende Perspektiven in der Branche auf.

Isernhagen – Die fundamentalen Veränderungen und Entwicklungen in der Landwirtschaft standen im Fokus der 12. Beraterhochschultagung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) am Dienstag, 1. November, in Isernhagen (Region Hannover). Die eintägige Veranstaltung, bei der namhafte Referentinnen und Referenten in kompakten Vorträgen die Verknüpfung zwischen landwirtschaftlicher Praxis, Beratung und Forschung verdeutlichen, stand dieses Mal unter dem Motto: „Transformation in der Landwirtschaft – Visionen, Entwickeln, Überleben“.

Hervorgehoben haben die Vortragenden der Universitäten und Hochschulen, wie herausfordernd und vielfältig die Anforderungen an die Transformation der Landwirtschaft sind. Zeitgleich wurden mit praxisrelevanten Agrarinnovationen als auch Anforderungen an die Politik und Gesellschaft Wege in die Zukunft aufgewiesen.

In seinem Vortrag „Russlands Angriffskrieg, die Zukunft der Agrarmärkte und Folgen für die Agrarpolitik“ ging Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel, Dekan des Departments für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen, zunächst auf die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Getreideproduktion und -Exporte der Ukraine und auf ihre Folgen für die globale Preisbildung sowie die Versorgungslage und den Hunger weltweit ein. „Die Produktionsrückgänge in der Ukraine sind geringer ausgefallen als direkt nach Beginn der russischen Aggression befürchtet wurde“, sagte von Cramon-Taubadel, „der stockende Export und die Tatsache, dass die globale Versorgungslage ohnehin bereits sehr angespannt war, haben dennoch zu starken Preisausschlägen geführt.“

Fehlende Exporterlöse und damit auch Liquidität auf den Betrieben führen dem Referenten zufolge dazu, dass die Produktion in der Ukraine im kommenden Jahr voraussichtlich noch geringer als in diesem Jahr ausfallen werde. Die Unsicherheit darüber, ob und für wie lange der sogenannte Schwarzmeer-Korridor offenbleiben werde, belaste die Märkte zusätzlich. Zum Schluss seines Vortrags diskutierte von Cramon-Taubadel verschiedene kurz-, mittel- und langfristige (agrar-)politische Maßnahmen, die als Reaktion auf die neuen bzw. bereits existierenden, aber durch Russlands Angriff zugespitzten Herausforderungen geboten sind.

Welche moralisch relevanten Themen an die (landwirtschaftliche) Tierhaltung herangetragen werden, erläuterte Prof. Dr. Peter Kunzmann vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit seinem Vortrag „Ethik FÜR eine Tierhaltung der Zukunft“. Für Nutztiere und deren Wohlergehen fühlten sich inzwischen sehr viele Menschen außerhalb der Landwirtschaft kompetent und zuständig.

Die Forderungen in Bezug auf die Ansprüche an die Tierhaltung lassen sich dem Referenten zufolge in drei Perspektiven sortieren:
Alle Menschen wollen, dass es den Tieren „nicht schlecht“ geht.
Viele Menschen wollen, dass es den Tieren „besser“ geht.
Schließlich gebe es die Menschen, die wollen, dass es den Tieren „einfach super“ geht.

Ethisch legitim und zwingend sei der Anspruch der Bevölkerung auf tiergerechte Haltung von Nutztieren. Nicht begründet sei dagegen das Festhalten am Maßstab einer irgendwie gearteten Haustier-Idylle. Legitim sei zugleich auch die Forderung, höhere Standards angemessen ökonomisch zu honorieren.

Marcus Polaschegg, LWK-Fachbereichsleiter Klima, Natur, Ressourcenschutz, Biodiversität, setzte sich in seinem Vortrag „Kollektiv denken, wirksamer beraten, effektiver umsetzen – neue Herausforderungen, Allianzen und Perspektiven in den Ökosystemleistungen“ damit auseinander, dass sämtliche Wünsche, die in Bezug auf die Nachhaltigkeit existieren, auf derselben unvermehrbaren Fläche stattfinden. „Das zwingt uns alle dazu, so effektiv wie möglich zu sein“, sagte Polaschegg, „es geht nicht nur um einen Auftrag an die Landwirtschaft, sondern das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Es bedürfe kollektiver Ansätze wie beim Niederländischen Modell, bei dem nicht Einzellandwirte bestimmte Leistungen erbringen müssen, sondern das Kollektiv.

Prof. Dr. Frank Beneke, Leiter der Abteilung Agrartechnik bei der Georg-August-Universität Göttingen, wies in seinem Vortrag „Agrartechnik als Baustein der Transformation“ darauf hin, dass Transformation und Nachhaltigkeitsziele erweiterte Anforderungen an die Agrartechnik von morgen stellen. „Auch wenn sich das eigentliche Produktionsziel zum Beispiel im Pflanzenbau nicht geändert hat, sind die erweiterten Anforderungen Treiber von Veränderungen“, so Beneke.

Er stellte technische Lösungsbeiträge aus verschiedenen Projekten vor, wie z.B. aus dem Experimentierfeld FarmerSpace oder dem Projekt 5G NortNet. Die technischen Entwicklungen seien nicht nur in der Lage, die Transformationsziele zu unterstützen, vielmehr seien sie vielfach die Grundlage zur Erreichung der Ziele. „Einzeloptimierungen reichen aber nicht aus, es sind Systemzusammenhänge zu betrachten und Anbausysteme weiter zu entwickeln“, erklärte Beneke.

Notwendig dabei sei der Transfer neuer Lösungsansätze in die Praxis und eine Begleitung der Praxis, u.a. durch die Beratung und in der Aus-/Weiterbildung.

Dies unterstützte auch Dr. Barbara Grabowsky, Leiterin des Verbunds Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar), die sich in ihrem Vortrag auf Perspektiven für eine praxisorientierte Transformationsforschung in Niedersachsen fokussierte. Obgleich die geo- und energiepolitische Krise die Ernährungssicherung in den Fokus rücke, sei es im Kontext von Klimawandel und knappen Ressourcen unerlässlich, eine Nachhaltigkeitsorientierung bei Beratung und Forschung weiter zu verfolgen.

„Im Jahr 2040, das heißt in 18 Ernten, können sich die Betriebe nicht mehr auf die Erfahrungen der Vergangenheit verlassen. Resilienz wird wichtiger sein als Ertragssteigerung“, sagte Grabkowsky. In der Krise lägen viele Chancen, sich in der Neuordnung des nationalen Agrarsystems zu positionieren und gemeinschaftlich mit weiteren Partnern zukunftsfeste, autark aufgestellte Zukunftsbetriebe aufzubauen. Grabkowsky: „Wir ist das neue Ich.“

Tobias Bollmeier, Forscher an der tierärztlichen Hochschule Hannover, ging auf die Funktion der Beratung im Bereich Tierschutz und Tierwohl ein. Dank der Beratung werde das durch Wissenschaft und Forschung erlangte Wissen dort vermittelt, wo es benötigt werde. Zudem sei sie auch wichtig für den Wissenstransfer zwischen Landwirt*innen. „Beratung macht den Erwerb von neuem Wissen angenehmer, zielgenauer, schneller und evt. kostengünstiger“, so Bollmeier.

Es handle sich um keine einseitige Richtung von Wissen, sondern vielmehr eine Vielzahl von Rückkopplungsprozessen, erläuterte der Referent. Die Beratung sei ein wichtiges und unverzichtbareres Bindeglied für den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis.

Wichtig dabei: „Die Verantwortung in der Beratung kann nicht alleine vom Berater getragen werden“, so Bollmeier. Schließlich sei der Klient für die Umsetzung von Ratschlägen verantwortlich – und damit auch für einen Großteil des Erfolges einer Beratung. Für die Bedingungen und Handlungen auf dem Hof liege die Verantwortung zwar beim Landwirt, aber „die Handlungen des Beraters können indirekt Einfluss auf Tierwohl/Tierschutz haben“, so Bollmeier, „was sind potentielle Folgen, wenn ich Klient X den Ratschlag Y gebe?“ Die Beratung sollte auch über mögliche Folgen aufklären und auf Missstände hinweisen sowie über Tierwohl und dessen Bedeutung aufklären.

Die nächste Beraterhochschultagung findet im Spätherbst 2023 statt.

Befassten sich bei der Beraterhochschultagung der Landwirtschaftskammer (LWK) in Isernhagen mit den Veränderungen und Entwicklungen in der Landwirtschaft: Dr. Barbara Grabkowsky (von links), Marcus Polaschegg, Dr. Cord Stoyke (Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel, Tobias Bollmeier, Moderator Mathias Klahsen (LWK), Moderator Michael Pankratius (AG Landberatung), Prof. Dr. Frank Beneke und LWK-Präsident Gerhard Schwetje. (Bild: LWK Niedersachsen)

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